Testbericht der Yachtrevue 6/1979

Das Konzept:

Ein Regattaschiff mit reichlich Raum und Komfort für die Familie und Wochenendtörns. Der Rumpf ist nach neuesten Erkenntnissen im Schleppkanal entwickelt und erst nach einem Testjahr in Serie gegangen.
Das Schiff wird nach strengen Klassenbestimmungen gebaut, die wenig Spielraum lassen. Ein großer Vorteil für regattabegeisterte Segler.
Wegen des eher sportlichen Aussehens und einem entsprechenden Konzept in dieser Richtung, überrascht geräumiger Innenraum, der auf die neuartige Konstruktion der Kojen zurückzuführen ist. Die Bordwände sind deshalb auch nach Art eines Backdeckers etwas höher gezogen.
Das Schiff wirkt trotzdem langgezogen und das Flushdeck mit kleiner Kajüterhöhung ist Grund für die visuelle Streckung.
Mitverantwortlich für die Eleganz sind auch die harmonischen Linien des Rumpfes.

Das Schiff:

Die 806 ist im GFK-Handauflegeverfahren gebaut. Besonders druckbelastete Bereiche sind zusätzlich mit Balsa-Sandwich verstärkt.
Die Verarbeitung des GFK ist beispielhaft und auf Grund der Erfahrung der Werft auch in der Serie von gleichbleibender Qualität.
Es gibt keine scharfen Kanten oder überstehende Laminate, an denen man sich, wie zum Beispiel an der Innenseite der Backskisten, verletzen oder Segel zerreißen könnte.
Der Rumpf ist teilweise in Doppelschalenbauweise gefertigt, wobei die zweite Schale als Inneneinrichtung geformt wurde.
Sie dient gleichzeitig als wirkungsvolle Versteifung des Rumpfes an den exponierten Stellen.

Das Unterwasserschiff der 806 hat sehr moderne Linien, ohne aber extreme Formen anzunehmen, wie dies heute immer mehr der Fall ist.
Unter Wasser ist das Vorschiff relativ flach und die Spanten haben Trapezform. Selbst im Bereich des angebolzten Kiels wird das Unterwasserschiff kaum voller. Der Kiel ist schmal und lang, aber stark profiliert.
Richtung achtern kommt es zu einer nicht erwarteten Änderung der Linien.
Statt des flach in ein U-förmiges Heck auslaufenden Achterschiffes hat sich Petterson etwas anderes einfallen lassen. Der Kiel ist nach Achtern durch einen V-förmigen Fortsatz an der Kiellinie mit dem Skeg verbunden. Dieses überdeckt das Ruderblatt zu zwei Drittel. Die Achse des Ruders ist in einer Nut im Skeg eingelassen (guter Strömungsablauf am profilierten Ruderblatt).
Das Heck hat eine breite V-Form und ragt bei normaler Schwimmlage aus dem Wasser. Dadurch ist auch bei starker Lage ausgezeichneter Wasserablauf gegeben.
Wegen des Flushdaches hat das Schiff keine Stehhöhe, am Vorschiff endet der Kajütenaufbau mit einer Luke, die voll in die Form integriert ist.

Das Cockpit ist sehr geräumig und bietet vier Erwachsenen Platz.

Bei viel Wind finden sogar drei Personen nebeneinander in Luv Platz, ohne in der Bewegungsfreiheit eingeschränkt zu sein.
Auch bei Lage findet man eine gute Sitzposition, der schmale Decksrand außerhalb des Cockpits ist stark nach außen abgeschrägt, bei Lage sitzt man daher außen auf einer horizontalen Fläche.
Um diese angenehme Sitzposition auch wirklich zu ermöglichen, ist serienmäßig ein ausreichend langer Ausleger an der Pinne montiert.
Der das Cockpit ca. im Verhältnis 2:1 teilende Traveller, ist bis zur Hälfte in die Sitzfläche eingelassen, womit ausreichende Trimmöglichkeiten des Großsegels gegeben sind.
Ausgezeichnet gelöst ist das Problem des Wasserablaufes im Cockpit und der Sitzflächen. An der hinteren Seite der Backskisten-Deckel ist an der bei Lage tiefsten Stelle eine Abflußöffnung, die das Wasser zum Cockpitboden leitet. So sitzt man auch bei Regen oder Spritzwasser immer trocken.
Die Cockpitlenzung erfolgt gesondert über zwei Ventile, die unter dem Niedergang zu öffnen sind. Am Cockpitboden ist ein Teakholzrost, der gute Rutschfestigkeit gewährleistet. Dieser Boden verleiht dem Cockpit außerdem noch ein gutes und warmes Aussehen.
Sehr groß und auch in den letzten Winkeln sehr gut ausgeführt sind die beiden Backskisten. Backbord
sind die Batterie und zwei Schalter für die Bordelektrik untergebracht. Das Ganze ist sehr einfach und funktionell gehalten. Nicht sehr gut zugänglich die Schalter für Positions- und Ankerlicht.
Der Platz für die Verschlüsse der Backskisten ist eingeformt, so daß keine Schnallen oder Haken vorstehen.
Im Heck befindet sich ein weiterer großer Stauraum, der mit einer Luke zu schließen ist und selbst Platz für einen Flautenschieber mit Langschaft bietet.

Überhaupt ist das Platzangebot auf der 806er, trotzdem das Schiff eher sportlich ausgerichtet ist, was durch das Deckslayout noch unterstrichen wird, überraschend groß.

In der Mitte des Kajütdaches ist ein Lüftungspilz, der auch zum Abnehmen gedacht ist. Durch dieses Loch wird der Heißstropp geführt und am Kajütboden mit Gewindebolzen befestigt. Die Löcher und Muttern dazu sind serienmäßig vorgefertigt und einlaminiert. Auf diese Weise läßt sich die 806 mit wenigen Handgriffen und ohne Sicherheits- oder Fixierungsleinen an den Kran bringen.

Sehr gut plaziert sind die Schienen der Fockholepunkte. Sie lassen sich durch einen Federhebel mit einem Handgriff leicht und problemlos in die gewünschte Position bringen. Von dort läuft die Fockschot zu der am seitlichen Cockpitrand montierten Lewmarwinsch. Über die läßt sich die Fock auch von zarten Händen leicht bedienen.

Es lassen sich nahezu alle Segelmanöver vom Cockpit aus fahren und selbst der Einhandbetrieb wirft keine Probleme auf.

 

Rigg- und Segeleigenschaften:

Wie nahezu alle modernen Konstruktionen, hat auch die 806 ein Sieben-Achtel-Rigg.
Es ist sauber und funktionell beschlagen. Der flexible Mast steht auf Deck und läßt sich auf eine Länge von 20 cm in Mitschiffsrichtung verstellen. Noch unterhalb der Wantenangriffspunkte beginnt die Verjüngung des Mastes. Die Salinge sind leicht gepfeilt und relativ lang. Dadurch üben die Wanten ständig leichten Druck auf den Mast aus. Dies kann aber je nach Trimmwunsch, durch die auf Salinghöhe angeschlagenen und ziehenden Unterwanten vermindert werden.
So bleibt das Rigg relativ problemlos, selbst bei viel Wind und vergessenem Achterstag, muß die Ausfahrt nicht gleich mit Mastbruch enden. Trotzdem bietet das Rigg ausgezeichnete Trimmmöglichkeiten. Mit dem stark untersetzten Achterstag läßt sich die Mastbiegung gut kontrollieren.
Der Niederholer ist einfach, die Untersetzung etwas zu gering. Ganz ausgezeichnet funktioniert der innerhalb des Großbaumes laufende Unterliekstrecker. Selbst bei starkem Wind und großem Druck im Segel ist das Unterliek leicht verstellbar.
Der Segelhals ist in einem einfachen Haken eingehängt. Links und rechts des Lümmellagers sind zwei weitere Haken, die für die zwei Bindereffs vorgesehen sind. Der Stand der Segel und deren Verarbeitung ist gut.

Wir hatten die Möglichkeit, die 806 bei Wind zwischen 1 und 5 Bft. zu segeln. Die dabei gewonnenen Ergebnisse waren hervorragend. Trotz ausgezeichneter Kursstabilität läßt sich die 806 manövrieren wie ein um 3 m kürzeres und entsprechend leichteres Schiff. Feinfühlig reagiert sie auf jede kleine Ruderbewegung.

Die gewünschte leichte Luvgierigkeit nimmt auch bei größerer Lage nicht zu, ja läßt sich durch kleine Trimmänderungen sogar in ein vollkommen neutrales Verhalten umwandeln. Dieser Zustand ist für sportliche Segler an sich gar nicht wünschenswert, fehlt doch das Gefühl für das Boot an der Pinne. Diese Trimmänderung sollte für uns nur Kontrolle des Lateralplanes sein.

Weich setzt das Schiff bei mehr Wind in die Wellen ein, und wirkt weder starr noch bockig. Wir versuchten auch in den starken Böen abzufallen und hatten keinerlei Schwierigkeiten dabei. Ein besseres Zeugnis über die Segeleigenschaften kann man einem Boot wohl kaum ausstellen.

Einfach und funktionell auch die Handhabung aller Trimmmöglichkeiten während des Segelns. Der Wasserablauf ist sowohl in geradem als auch gekrängtem Zustand gut, und es baut sich nahezu keine Heckwelle auf. Bei leichten Winden hatten wir nur die Serienbesegelung mit Fock zur Verfügung.

Trotzdem war die Geschwindigkeit beachtlich. Als Extras gibt es (besonders für die Langstreckenregatten auf den Alpenseen gedacht) Genua und einen großen Spinnaker.

Resümee:

Pelle Peterson hatte die Möglichkeit, ein Schiff ohne jegliche Einschränkungen zu konstruieren.

Es ist ein sportliches und schnelles Schiff geworden.

Ausgezeichnet sind die Segeleigenschaften, die auch dem versierten Regattasegler keine Wünsche offen lassen.

Auch die Beschlagsanordnung und das Deckslayout sind sportlich ausgerichtet.

Trotzdem kommen Komfort und Platzangebot nicht zu kurz.

Für das gute Finish sowohl der Polyester- als auch der Holzarbeiten, zeichnet die Fa. O.L. BOATS.

Bis auf einige kleine Detailänderungen, ist die Internationale 806 eine äußerst gelungene Konstruktion.